Wahrnehmungsstörungen beim Kleinkind?

Vor ein paar Monaten lud die Erzieherin meines Sohnes zum Feedback Gespräch ein. Das ist nichts Unübliches, in unserer Kita wird dies Regelmäßig gemacht. Ich liebe den Austausch mit der Erzieherin und finde es faszinierend wie ähnlich und doch anders die Erfahrungen mit Mini sind.

Doch einen Nachteil haben solche Gespräche manchmal, dein Kind wird bewertet und beurteilt. Die Fähigkeiten und Eigenschaften werden Kategorisiert und in Schubladen gesteckt. Das ist stellenweise auch wirklich wichtig, manchmal unvorteilhaft und manchmal ist es sogar hilfreich. So wie unserem Fall.

Wann ist ein Verhalten nicht mehr Normal?

Der Tag des Gesprächs, endlich. Ich begebe mich, wie immer, in der Mittagszeit in die Kita und warte bis die Erzieherin mich aus dem Vorraum abholt. Mini darf mich nur nicht entdecken, schließlich wollen die Erzieherin (wir nennen Sie der Einfachheit Mal Yvonne*) und ich ein wichtiges Gespräch führen. Im Raum angekommen überreicht Yvonne mir wie gewohnt das „Ich-Buch“ und ich blättere durch die Geschichten und die Fotos. Es ist so toll Mini Mann im Kita-Alltag auf den Fotos zu sehen.

Yvonne ist mit der Entwicklung von Mini mehr als zufrieden, er entwickelt sich seinem Alter entsprechend und manchmal sogar etwas überdurchschnittlich. Mein Mutterherz ist natürlich stolz wie Oskar, doch es gibt da einen Punkt, ein Verhalten von Mini der ihr noch auf der Seele liegt.

Mini braucht stärkere Reize als andere Kinder. Ein kleines Beispiel sei dafür, dass sie ihn immer zum Einschlafen streicheln soll. Allerdings müsse dieses Streicheln mit etwas mehr Druck sein. Das lässt sich nun etwas schwer beschreiben, aber im Gespräch von Angesicht zu Angesicht konnte sie mir genau zeigen was sie meinte und ich verstand sie. Ich verstand sofort.

Mir war schon ähnliches aufgefallen. Mini Mann hat eine sehr hohe Schmerztoleranz. Er empfindet sehr selten Angst und ist sehr Wagemutig. Bereits vor dem Gespräch keimte in mit immer wieder die Frage auf, bis zu welchem Grad dies normal sei und ab wann man sich Gedanken machen müsse. Natürlich wollte ich nie als Helikopter Mutter abgestempelt werden und stempelte es daher als Hirngespenst ab. Den Fehler die „Symptome“ zu googeln wagte ich erst gar nicht.

Diagnose Wahrnehmungsstörung

Yvonne hatte sich auch bereits Rat bei einer weiteren Erzieherin geholt. Diese hat ein entsprechendes Studium und könne dies daher etwas besser bewerten. Von der Erzählung her und von den Fakten passe das Verhalten von Mini Mann zu einer Wahrnehmungsstörung.

Im Gespräch betont Yvonne immer wieder, dass da vielleicht nichts sei aber das sie zu den Menschen gehört die lieber auf Nummer Sicher gehen. Tja und was soll ich sagen, ich kann das voll und ganz nachvollziehen – mir geht es da ähnlich. Die Empfehlung von Yvonne: Ein Gespräch mit dem Kinderarzt oder mit einem Ergotherapeuten.

Ergotherapeuten? Perfekt – wir haben da jemanden im Freundeskreis. Ich vereinbare mit der Erzieherin mit meinem Bekannten zu sprechen und danke ihr für diesen Hinweis. Ich persönlich bin wirklich sehr froh über so eine Aufmerksame Erzieherin.

Seien wir doch mal ehrlich, Mini Mann ist eine große Anzahl von Stunden bei der Erzieherin – Sie hat Erfahrungswerte die mir fehlen und Eltern sind manchmal für kleine „Probleme“ blind. Nach dem Gespräch informiere ich umgehend meinen Mann. Er ist eher Kandidat „Das ist übertrieben“, dennoch entscheiden wir gemeinsam mit dem bekannten Ergotherapeuten zu sprechen.

Hilfe aus dem Freundeskreis

Ein paar WhatsApp Nachrichten und ein paar Tage später, treffe ich mich auf einen kleinen Spaziergang mit unserem Bekannten. Ich erzähle vom Gespräch mit Yvonne und lass mir etwas zum Thema Wahrnehmungsstörung erzählen.

Es ist nichts Schlimmes, man kann damit auch gut ohne eine Behandlung leben. Umso früher man mit einer Behandlung anfängt, umso einfacher ist es die Störung sogar gänzlich zu beheben. Doch hat Mini Mann wirklich eine Wahrnehmungsstörung? Ich werde nach den Symptomen gefragt – tja gute Frage. Manchmal weiß man doch gar nichts was normal ist und was ein Symptom.

Ich erzähle also einfach ein bisschen aus dem Leben. Mini fällt oft hin und weint nicht, wenn er weint dann hat er sich wirklich saumäßig wehgetan. Er empfindet häufig keine Angst und ist sehr Wagemutig. Häufig drückt er seine Gefühle für andere Schmerzhaft aus. Ein Kuss wird schnell mal ein Biss, ein streicheln eher ein Hauen. Manchmal langweilt er sich schnell, sich lange mit etwas beschäftigen tut er selten -es verliert schnell seinen Reiz.

Die liebste Beschäftigung die er hat ist Bewegen und das im Übermaß. Rennen, klettern, laufen, toben usw. das sind Sachen die er gerne macht. Im Sand buddeln oder lange auf einer Wippe sitzen langweilt ihn dagegen sehr schnell und er will wieder runter. Doch vor allem seine hohe Toleranz gegenüber Schmerzen besorgte mich immer mal wieder.

Der Ergotherapeut hörte sich alles an und bestätigte am Ende des Gesprächs die Anzeichen. Es klingt alles nach einer Wahrnehmungsstörung, was aber gar nicht schlimm sei. Manchmal gibt es eben Kinder die starke Reize brauchen und damit kann man auch Leben aber es ist von Vorteil dies jetzt in den Griff zu bekommen.

Das Kind sensibilisieren

Ergotherapie kann dabei helfen. Aber auch wir als Eltern könnten schon hier und da etwas Unternehmen damit das ganze besser wird. Mir wird empfohlen viel mit Mini zu Unternehmen bei dem er sich auspowern kann. Richtig aufdrehen aber danach und das ist das entscheidende, muss ich ihn zum zur Ruhe kommen „zwingen“.

Beim Kleinkind-Turnen machen wir das zum Beispiel so:

Die Kinder starten mit einem Aufwärmlauf. Dann dürfen sie nach Belieben turnen, rennen, klettern oder was auch immer gerade im Angebot steht. Kurz vor Ende wird dann aufgeräumt und noch einmal im Kreis gesungen bevor es nach Hause geht.

Bei den Kindern wird also eine Art Notbremse gezogen. Vom Spielen werden sie auf Sanfte Art in einen Ruhe Modus geholt. Genau das braucht Mini Mann. Auspowern und danach zur Ruhe kommen. Dafür muss ich aber nicht extra immer ins Kleinkind-Turnen gehen. Im Alltag geht das ja auch jederzeit. Bewegung ist bei ihm das A und O.

Mit dem Kinderarzt habe ich nicht weiter darüber gesprochen. Die Tipps die ich durch das Gespräch mit dem Ergotherapeuten erhalten habe, waren mir erst einmal ausreichend. Allerdings gebe ich zu, die Suchmaschine wurde am Abend angeworfen und ich lass was mir Dr. Google so erzählte.

Viel Neues kam dabei nicht raus.

Und Nun?

Seit der Erkenntnis sind nun einige Monate ins Land gegangen. Mittlerweile schaffen wir es nur noch selten zum Kleinkind-Turnen. Dafür gehen wir oft mit dem Laufrad spazieren – Mini Mann hat die Natur und die Lebewesen für sich entdeckt. Die „Probleme“ wurden weniger. Das Streicheln wurde schnell zu einem sanften streicheln und die Kuss-Bisse zu einfachen Küssen.

Mini Mann wirkt auch viel entspannter und die Konzentration sich länger mit Büchern oder Spielzeugen zu beschäftigen ist definitiv auch gewachsen. Das mag nicht alles miteinander zusammenhängen, gerade das länger mit etwas Spielen ist etwas das Kinder ja wirklich erst lernen müssen, aber ich bin der Meinung irgendwas war wirklich nicht ganz richtig.

Die Toleranzgrenze für Schmerzen bei Mini ist immer noch recht hoch, aber auch hier hat er sich verändert. Sein Sozialverhalten gegenüber Kindern ist auch anders geworden. Wahrscheinlich weil das „liebgemeinte Hauen“ damals einfach nicht von Vorteil war.

Ich bin Yvonne für ihren Hinweis nach wie vor Dankbar. Es war eine gute Entscheidung Rat bei unserem Bekannten zu holen und ich würde mich jederzeit wieder so entscheiden.

Anmerkung

Bitte beachtet, bei diesem Beitrag handelt es sich um keinen Ärztlichen Bericht. Jedes Kind ist anders, wenn euer Kind meinen Beschreibungen ähnelt heißt es nicht dass die Diagnose damit gefunden ist. Es schadet allerdings nie mit dem Kinderarzt mal über Kleinigkeiten zu sprechen, die einem so auffallen.

Vielleicht habt ihr ja bereits Erfahrungen mit einer Wahrnehmungsstörung gemacht?

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* Der Name entspricht nicht der Realität und wurde geändert.


Dieser Artikel erschien übrigens auch auf Eltern.de

 

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2 thoughts on “Wahrnehmungsstörungen beim Kleinkind?

  • Ja, Jolina hat Wahrnehmungsstörungen und Probleme Reize richtig zu verarbeiten und oft braucht sie starke Reize die von jetzt auf gleich zu viel werden. natürlich ist das ein kleines Extra des Down Syndroms und es wird wohl nie verschwinden, aber wir arbeiten daran und wissen es und akzeptieren es.
    Selten gibt es solch tolle Erzieherinnen wie eure, ihr habt richtig Glück

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    • Ja ich bin auch total froh über diese Erzieherin. Es kostet schließlich auch eine Menge Mut so etwas anzusprechen.
      Grundsätzlich ist die Störung ja nichts schlimmes, also ich konnte keine schlimmen Konsequenzen erkennen ausser sich schnell zu überschätzen.

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