Tragetuch – wer brauch denn sowas?! Irren ist menschlich

Bevor ich Mutter wurde, gehörte ich zu den Frauen die über manches Verhalten von Müttern nur den Kopf schütteln konnte. Einiges wollte mir einfach nicht in den Sinn. Wie so oft war es einfach die Unwissenheit. Am schlimmsten traf mich wohl die Erkenntnis wie sinnvoll ein Tragetuch ist.

Trage…was?

Jeder hat ihn, diesen Moment als Mutter wo dir ein Licht aufgeht. Ein Licht, dass manche Sachen vielleicht doch gar nicht so schlecht sind wie am Anfang gedacht. Ich behaupte das jetzt einfach mal, ohne Studien dazu aufzustellen oder zu kennen.

Als meine Cousine schwanger war und sich zur Geburt ein Tragetuch gewünscht hatte, gehörte ich zu den Frauen, die sie einfach für komisch erklärten. Meine Mutter schaute mich auch etwas skeptisch an und fragte wofür das gut sei. Ich sprach mit einer Arbeitskollegin darüber und sie berichtete mir wie toll so ein Tragetuch sei. Ok, ok macht ihr nur wenn ihr denkt es macht euch glücklich.

Es gibt doch Kinderwägen wofür als dann das Tragetuch? Und überhaupt, ihr wisst schon dass Babys ständig rumtragen nicht gut ist. Ihr verwöhnt die Kleinen damit doch total und gewöhnt sie ja nur daran. Laufen werden die bestimmt nie wollen, warum auch tragen ist doch viel schöner.

Ja das ein oder andere Vorurteil hatte sich auch in meinem Kopf manifestiert. Es ist ja auch schwer sich seine eigene Meinung zu bilden, wenn man es von der Gesellschaft so erzählt/ vorgelebt bekommt und noch keine eigenen Erfahrungen gemacht hat.

Mein Sohn der mich erzieht

Als ich schwanger wurde, beschäftige ich mich Stunden um Stunden mit dem Kauf eines Kinderwagen. Tragehilfen ließ ich dabei gekonnt aussen vor. Die brauche ich ja nicht, habe doch schließlich einen tollen Kinderwagen – wenn ich mich endlich für ein tolles Modell entschieden habe.

Es gingen Monate ins Land und wir kaufen einen Kinderwagen für eine Menge Geld. Dazu noch eine schöne Babyschale fürs Auto und warteten jetzt einfach nur noch auf das Baby um die erworbenen „Spielsachen“ zu benutzen.

Der Kinderwagen fand Platz im Auto und als Mini auf die Welt kam, machten wir bereits einen Tag nach seiner Geburt einen kleinen Ausflug mit ihm und dem Kinderwagen. Alles lief gut, aber hey der Kleine war ja auch erst 15 Stunden alt, noch schlief er sehr viel und war recht pflegeleicht. Den ersten Schock bekamen wir, als Mini die ganze Fahrt vom Krankenhaus nach Hause im Auto schrie. Er fand Auto fahren und die Babyschale absolut zum kotzen. Das blieb auch die ersten paar Monate so.

Weitere Spaziergänge stellten wir erst einmal ein, denn die Hebamme verbot es mir mit dem Satz „Es heißt nicht umsonst Wochenbett“. Zuhause fiel es mir sehr schwer den kleinen Mann abzulegen, ich liebte es ihn ständig durch die Gegend zu tragen und konnte gar nicht genug von ihm bekommen. Ständig die Hände belegt zu haben, nicht aufs Klo gehen zu können oder kein Essen oder trinken in die Hand nehmen zu können. Ein Traum – bitte entschuldigt den Sarkasmus.

Mini war ein absolutes „Nähekind“. Ständig tragen, Stillen und bloß nie allein sein. Wirklich nie die Hände frei zu haben war unangenehm. Also fing ich an mich im Internet schlau zu machen – Gott segne diese Handys mit denen man mit nur einer Hand die Welt erforschen kann. Als Hilfe für mein Problem, fand ich recht schnell eine Lösung. Tja wer hätte es gedacht, eine Tragehilfe schien genau das zu sein was ich zu brauchen schien.

Karma – Mini schien meine Gedanken zum Thema Tragehilfen zu kennen. Ich hielt Rücksprache mit meiner Hebamme und kaufte ein Tragetuch. Unmengen schöner fester Stoff in einem dezenten Beige für eine Menge Geld. Und es war jeden Cent Wert – endlich hatte ich wieder zwei Hände, konnte mich frei bewegen und Mini bekam das was er wollte: UNMENGEN Nähe.

Das Ding mit vier Rädern – braucht kein Mensch

Als ich wieder Spaziergänge unternehmen konnte, versuchten wir diese natürlich im ersten Step mit dem Kinderwagen. Hey schließlich war er genau dafür da und er war doch so schön und geräumig und einfach toll. Ein großer Witz, hat sich Mini wohl gedacht, denn er fand den Kinderwagen doof. Kaum hingelegt schrie er wie am Spieß. Angeblich beruhigen sich ja die Kinder durch das Wackeln und schunkeln des Kinderwagens – bitte fügen Sie hier ein hysterisches lachen ein – Nein tun sie nicht.

Mini hasste den Kinderwagen und er hasste es darin spazieren zu gehen. Ich versuchte es immer wieder und erfreut mich, wenn ich es mal schaffte 20 Minuten unterwegs zu sein. Ganz selten schlief er sogar mal ein, dass grenzte für mich schon an ein Wunder. Ich ertrug dieses ständige weinen nicht und entschied mich für Spaziergänge im Tragetuch.

Ich ging also nun jeden Tag einmal spazieren, ganz lange mit Baby im Tragetuch und ich gewöhnte mich daran eine Tragetuch-Mami zu sein. Vielleicht wundert ihr euch über den Begriff gewöhnen, aber der Begriff trifft es ganz gut. Meine Meinung hatte ich recht schnell revidiert doch nur weil ich meine Meinung ändere, ändert sich ja nicht die Meinung der Gesellschaft.

Im Ort unbekannt

Egal wo ich mit dem Tragetuch hin ging, ich fiel auf. Ich war quasi wie ein bunter Hund. Auch meine Familie, egal ob eigene oder angeheiratete, musste sich erst einmal an den Anblick gewöhnen. In unserem Ort passierten mir dann doch die ein oder anderen lustigen Geschichten, die einfach auch zeigen wie die Leute über Tragetuch dachten.

Vorsicht Dieb

So passierte es mir einmal, dass mich die Kamera im ortsansässigen NKD verfolgte. Ich ging in den Laden, wie immer mit Baby im Tragetuch – ganz nah an meinen Bauch und Brust gekuschelt. Während ich mir so die Baby-Sachen anschaute und überlegte ob ich etwas davon brauchte, merkte ich das Summen über mir. Die Kamera, Baujahr 1960 brummte laut vor sich hin und richtete ihr Objektiv auf mich. Jede kleine Bewegung von mir verfolgte die Kamera, bewegte ich mich nach links bewegte sich die Kamera auch nach links.

Ich teste es sogar wirklich aus, ich bewegte mich also mit Absicht und schüttelte nach gewonnener Erkenntnis den Kopf während ich ohne Einkauf den Laden verließ.

Die Zigeunerin

An einem anderen Tag spazierte ich Richtung „Innenstadt“ unseres Ortes und wurde von einer älteren Dame abgefangen. Sie meinte die Unterhaltung bestimmt nur gut, aber ihre Geschichte war na ja nennen wir es amüsant.

Sie sprach mich auf das Tragetuch an und wie ungewöhnlich es sei. Ich erzählte ihr ein bisschen vom Tragen, aber ich glaub so wirklich interessierte sie meine Ausführung nicht. Sie übernahm recht schnell wieder das Gespräch und erzählte weiter. Denn das Tragen von Babys sei ihr nicht unbekannt, sie kenne das aus der Kindheit. Denn früher da haben viele Frauen die Kinder getragen aber das waren in der Regel die Zigeuner, die Gypsys. Möpp ok ne ist klar. Nach Aufklärung, dass ich keine Zigeunerin sei und freundlicher Verabschiedung gingen wir getrennte Wege.

Muss die Mutter selber wissen

Aber das war noch eine der nettesten Begegnungen, es gab noch ganz andere. Diese Art von Begegnungen in der sich die Person gegenüber nicht mal traut das Gespräch zu suchen, sondern einfach nur einen blöden lauten Spruch zu reißen.

Auch solche Situationen sind mir passiert. Gerade im Sommer meinten die Menschen blöd zu reagieren. Ich erinnere mich noch wie mein Mann und ich an einem Sommertag zur Eisdiele spazierten. Jeder holte sich ein Eis und wir strebten einen schönen Spaziergang an. Kaum kamen wir aus der Eisdiele raus, trafen wir auf eine kleine Gruppe von Menschen. Es müssen so um die fünf Erwachsene gewesen sein, davon ein Mann und eine Frau die sich über mich unterhielten. Was die Frau zu dem Mann sagte, hörte ich leider nicht. Aber sie machte ihn auf mich aufmerksam und er war dann einer dieser tollen Genies die sich nicht trauen jemanden direkt anzusprechen aber einen blöden Spruch zu reißen.

Das machte er dann auch. Er erhob seine Stimme und sagte lautstark „Lass sie doch, muss die Mutter selber wissen wenn sie ihr Kind ersticken will“. Frei nach dem Motto bloß kein Aufsehen zu erregen ging ich ganz gelassen und ruhig weiter und lies mir nichts anmerken. Aber solche Begegnungen machten mich wirklich rasend. Man kann mich gern Fragen, direkt ansprechen, vielleicht auch gern mit mir diskutieren aber so Feige einen Spruch los lassen? WTF?!

Er weint nicht wegen dem Tuch

Auch andere Mütter wussten nicht unbedingt etwas mit dem Tragetuch anzufangen. Als neue Mama die in den Ort zugezogen war, suchte ich neue Kontakte über Krabbelgruppen. Keine 10 Minuten von uns entfernt fand auch so ein Treffen statt. Den Versuch mit Kinderwagen machte ich erst gar nicht, also spazierten Mini und ich los.

Endlich andere Muttis, endlich andere Kinder. Der Einstieg erwies sich aber doch schwerer als gedacht. Die Krabbelgruppe war recht voll mit vielen größeren Kindern und Mini hatte recht schnell die Nase voll. Er hatte Hunger und war von den ganzen neuen Eindrücken müde. Also erst einmal stillen und dann ab ins Tragetuch.

Die meisten Muttis hatten gar nicht mitbekommen, dass ich zu Anfang mit Tragetuch kam – dass ich nun aber Mini in jenes wieder rein machen wollte schon. Ich legte Mini nach dem Stillen ab und fing an das Tragetuch zu wickeln. Die ersten blicken Fragend zu mir. Ich erklärte was ich da machte und packte Mini ins Tuch. Dieser war mittlerweile alles andere als fröhlich und fing just in dem Moment an zu schreien und zu weinen.

Die verständnislosen Blicke trafen mich und ich fühlte mich genötigt mich zu erklären: „Der weint jetzt nicht wegen dem Tuch, er weint weil er müde ist. Wirklich“. Im Tuch drin wollte er sich trotzdem nicht beruhigen und wurde etwas lauter. Ich verstand, dass es ihm einfach zu wuselig war und er trotz Tragetuch nicht abschalten konnte. Also gingen wir zwei eine Runde um den Block. Es dauerte keine 2 Minuten und er schlief. Mein Wundermittel Tragetuch und Spazieren gehen wirkte.

Ich ging zurück in die Gruppe und präsentierte das Ergebnis „schlafendes Baby“. Viele wirkten interessiert und fragten mich über das Tuch aus, aber für keine war es eine richtige Option. Schließlich gebe es Dchöneres als das Baby bei der Hitze am Körper rum zu tragen. Recht haben sie, aber ich sage immer noch – es gibt nichts schöneres als ein endlich schlafendes Baby das zufrieden kuschelt.

Die Krabbelgruppe besuchte ich noch ein paar weitere Male. Zwei oder drei Monate später gesellte sich noch eine weitere Tragemami dazu und wir hatten sofort ein Gesprächsthema. Damals waren wir aber ziemliche Außenseiter mit unserer Art die Kinder „zu befördern“.

 

In den drei Jahren, die das nun her ist, hat sich einiges geändert. Natürlich achtet man selber auch mehr darauf, aber es sind jetzt viel mehr Mamis und auch Papis mit Tragen und Tragetüchern unterwegs. Eine positive Veränderung wie ich finde. Wenn ich nun eine Familie sehe, die ihr Baby trägt schaue ich hin und muss immer etwas schmunzeln.

Habt ihr euer Kind getragen? Vielleicht habt ihr ja auch ein paar Erfahrungen von denen ihr berichten möchtet. Ich bin sehr gespannt.

 

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7 Einträge zu „Tragetuch – wer brauch denn sowas?! Irren ist menschlich

  • Die Große habe ich viel getragen, sie hat den Kinderwagen vehement abgelehnt und der Kleine hat die ersten Wochen im Tuch gelebt und schläft auch jetzt noch immer in der Trage.
    Komisch angeschaut oder angesprochen wurden wir eigentlich nie. Nur als wir neulich wandern waren und die Große in der Trage war, hat ein Vater gesagt: Oh je, ich wusste nicht, dass man so lange trägt.

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  • Tiffy war 1:1 so wie euer Mini.
    Den Bugaboo konnte ich quasi neuwertig an das Babymädchen weitervererben.
    Und ich war auch so ziemlich die Einzige in meinem Freundeskreis, die getragen hat… Ich kam mir so deplatziert vor, einfach so „Mein Kind ist unnormal“.
    Zumal ich vorher auch Tragetücher in die Ökokiste gepackt habe. 😉
    Das Babymädchen mochte beides gerne und guess what? Ich habe sie lieber getragen, weil ich es so schön fand 😉

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    • Ja ich liege tragen mittlerweile auch und kann mich daher auch nicht vom tragetuch und der trage trennen – man weiß ja nie 😉
      Dieses fehl am Platz Gefühle kenne ich – Resultat war bei mir das ich mich häufig gerechtfertigt habe, was ja eigentlich totaler blödsinn ist!

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      • Hihi.. Unverhofft kommt oft… 😉
        Aber ihr plant erstmal nicht mit Mini 2.0?

        Das Rechtfertigen kenne ich auch nur zu gut… WOFÜR eigentlich frage ich mich im Nachhinein? 🤔

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      • Wenn ich dieses Jahr eins gelernt habe, dann das Planen völlig sinnfrei ist. Denn egal was du planst es kommt alles irgendwie anders.
        Wir lassen uns also einfach mal überraschen 🙂
        Im Nachhinein ist man wirklich immer schlauer! Aber ich habe, rückblickend betrachtet, auch erst einmal das Selbstbewusstsein aufbauen müssen. Die Schwangerschaft und nachher das Mutter-sein haben mir von Woche zu Woche mehr Selbstbewusstsein gegeben. Auf sich zu hören und dem Gefühl zu folgen muss man halt erst lernen 🙂

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