Ohne Kliniktasche geht es auch – Geburtsbericht

Tja wer hätte das gedacht. Da schreibe ich eben noch darüber, dass ich endlich mal meine Kliniktasche packen sollte und zack sind wir schon zu viert. Aber bevor ich direkt in den Geburtsbericht von Knopf einsteige erst einmal ein bisschen Vorgeplänkel. Ich warne daher vor, dieser Beitrag gehört nicht zu einen meiner kurzen und eventuell enthält es für den ein oder anderen einen Trigger. Für mich war es aber auch dieses Mal wieder eine gute und positive Geburt.

Es ist Freitag der 19. Mai und ich treffe mich in Frankfurt um die Babymesse zu besuchen. Neue Produkte entdecken, vielleicht noch was für den Knopf kaufen und einfach mal auf das Thema Baby konzentrieren. Der Tag läuft gut, eigentlich. Doch bereits am Nachmittag merke ich, dass es mir irgendwie nicht gut geht.

Schwangerschaftsvergiftung? 

Bereits in den letzten Tagen haben die Wassereinlagerungen immer mehr zu genommen. Donnerstag hatten sie ihren Höhepunkt und die Schmerzen waren echt unangenehm, am Freitag brauchte meine Hand nach dem aufstehen gut eine Stunde bevor ich sie wieder vollständig bewegen konnte und trotzdem schmerzt sie den ganzen Tag noch.

Am Nachmittag gesellen sich noch Bauchschmerzen dazu. Ich zweifle noch ob es Wehen oder Schmerzen sind und werde innerlich irgendwie unruhig. Eigentlich wollte ich bereits Freitag Abend meinen Blutdruck kontrollieren, hatte dieses aber vergessen. Der späte Nachmittag ist wieder von der Wohnung und dem Streß rund um meine Mutter geprägt. Das Stresslevel an diesem Abend ist wieder hoch, ich spüre eine starke Erschöpfung in mir und manche Ereignisse rauben mir die letzte Kraft. Ich gehe wortwörtlich kraftlos nur noch ins Bett.

Die Nacht ist entsprechend schlecht. Ich fühle mich nicht gut und schlafe auch sehr unruhig. Selbst meine Träume sind eher Albträume. Als ich aufwache ist es 5 Uhr und eigentlich viel zu früh zum aufstehen, aber ich kann einfach nicht mehr schlafen. Meine innere Unruhe, dass irgendwas nicht stimmt, steigt. Ich messe also endlich Blutdruck. Das erste Ergebnis raubt mir den Atem. 140 zu 106 und sofort habe ich meine Frauenärztin im Ohr, die mich mit diesem Blutdruck direkt ins Krankenhaus schickt um eine Schwangerschaftsvergiftung auszuschließen.

Ich versuche mich erst einmal zu beruhigen. 15 Minuten später messe ich erneut Blutdruck und erneut ist der zweite Wert erschreckend hoch (108). Ok das passt jetzt mal gar nicht, für heute steht renovieren in der Wohnung meiner Mutter an. Es sind schon einige Helfer bestellt, mein Bruder und meine Schwägerin reisen extra an und überhaupt… Also tief durchatmen. Ist eine Schwangerschaftsvergiftung wirklich so schlimm und ist ein hoher Blutdruck wirklich ein Hinweis?

Es folgt eine Handlung die nicht zu mir passt, Tante Google befragen. Leider klingt alles was ich finde genau so ernst wie meine Frauenärztin reagieren würde. Mögliche Konsequenzen sind nicht ohne und die Empfehlung lautet eindeutig bei zwei Warnhinweisen (hoher Blutdruck und Wassereinlagerung zum Beispiel) ist eine Abklärung durch den Arzt notwendig. Es heißt also wirklich ab ins Krankenhaus.

Ich messe mir noch insgesamt 4 mal den Blutdruck und der zweite Wert steigt eher anstatt zu fallen. Wir warten bis Mini wach ist und bringen ihn zu den Schwiegereltern. Wir versuchen für die Helfer in der Wohnung meiner Mutter so gut es geht noch alles vorzubereiten und ich rufe im Kreißsaal an. Bisher ist es leer ich kann also vorbei kommen. Das hätte mir jetzt noch gefehlt, aufgrund von Überfüllung in ein anderes Krankenhaus gehen zu müssen.

Gegen 8 Uhr erreichen wir das Krankenhaus und mein Mann und ich sind uns beide sicher, dass es nur falscher Alarm ist und ich um die Mittagszeit wieder entlassen werde. Mitgenommen ins Krankenhaus habe ich nur meine Krankenkarte und meinen Mutterpass. Eine Kliniktasche hab ich ja eh noch nicht.

Nachher gibt es ein schöneres Zimmer

Im Kreißsaal werde ich erwartet und wie gewohnt liebevoll begrüßt. Die Hebammen sind im Gegensatz zu Minis Geburt mittlerweile immer zu zweit in der Schicht. Zwei Hebammen und ein Arzt/eine Ärztin, allerdings sind es auch mittlerweile drei Kreißsäle. Ich komme in ein Zimmer das früher das Hebammen Zimmer war und jetzt ein Wehenzimmer ist. Nun heißt es erst einmal Pipi und Blut abgeben, Blutdruck messen und CTG schreiben.

Die Hebamme klärt mich genau darüber auf, was gemacht wird – wie es weiter geht – und was das alles für mich heißt. Auch hier ist der Blutdruck einfach zu hoch. Der erste Wert liegt zwischen 140 und 150 und wäre noch vertretbar, aber der zweite Wert liegt mittlerweile bei 112. Das bedeutet nun folgende Optionen:

  1. Ich bekomme Medikamente und werde entlassen.
  2. Es ist alles halb so schlimm und ich darf einfach so nach Hause, oder
  3. Die Geburt wird eingeleitet und ich bin bald zweifach Mama

Meine Emotionen überfahren mich, ich kann meine Tränen nicht unterdrücken. Ich möchte nicht eingeleitet werden, mein Wunsch war es doch ein Juni Baby zu bekommen und kein Mai Kind. Ach und überhaupt das passt jetzt wirklich nicht, es ist doch noch so viel zu erledigen. Aber noch heißt es ja abwarten. Also beruhigen und dem Herzchen über das CTG lauschen.

Als das CTG fertig ist, werde ich erst einmal zum Frühstück geschickt. Während dem Frühstück informieren wir uns, ob alles halbwegs bzgl. den Helfern und der Wohnung meiner Mutter geklappt hat. Es scheint einigermaßen zu laufen. Meine Gefühle fahren immer noch Achterbahn und so richtig glücklich bin ich mit der ganzen Situation nicht. Mein Mann gibt sein bestes mich aufzuheitern, aber gegen meine Gefühle kommt einfach keine Logik an.

Vom Frühstück geht es zurück ins Wehenzimmer und ich werde mit schlechten Nachrichten empfangen. Der Oberarzt hat entschieden, meine Werte sind zu schlecht die Geburt muss eingeleitet werden. Neben dem Blutdruck der so völlig außer der Reihe ist und dem eingelagerten Wasser habe ich auch etwas Eiweiß im Urin. Die Diagnose lautet also beginnende Schwangerschaftsvergiftung. Es folgt ein Ultraschall und auch hier eher nicht so gute Nachrichten. Das Fruchtwasser scheint etwas zu wenig zu sein, also spätestens jetzt wären die Würfel gefallen.

Ich befinde mich immer noch in einem provisorischen Wehenzimmer und ziehe daher nun erst einmal in einen Kreißsaal um, doch auch hier werde ich nicht bleiben. Nach dem ich ein Krankenbett erhalte habe, komme ich in ein anderes Wehenzimmer. Ein „schöneres Zimmer“, wie die Hebamme mir versichert, und nur für mich, sogar mit Bad inklusive Badewanne. Tja und hier bleibe ich nun für die nächsten 30 Stunden.

Einleiten mit Gel

Ihr dürft mich nun echt für bekloppt erklären, aber für mich war die Entscheidung der Ärzte nicht so leicht zu akzeptieren. Innerlich war ich wie ein Kleinkind, dass gebe ich zu, alles war einfach doof und ich weinte obwohl es keinen richtigen Grund gab. Kein Juni Käfer, keine natürliche und spontane Geburt, die ganzen Erledigungen die nun warten müssen und nun im Krankenhaus sitzen OHNE Kliniktasche. Da war sie nun die Rache für die letzten Wochen. Das ständige zurückstellen des Babys und des eigenen Körpers. Für mich war es wirklich Strafe und die größte Strafe kam dann auch noch als es hieß, es wird mit Gel eingeleitet. 

Für die Einleitung mit Tablette waren den Ärzten meine Werte zu schlecht. Sofort erinnerte ich mich an alle Horror-Geschichten die ich je über Gel gehört hatte. Wirkt nicht, dauert ewig, ist schwierig bei der richtigen Positionierung etc. Es braucht einige Stunden bis ich mich wieder fange und das ganze nicht als Rache des Körpers sehe, sondern als Notbremse – darin nicht etwas schlechtes sondern etwas Gutes sehe. Nach der ersten Gabe Gel passiert absolut nichts.

Mein Mann war zwischenzeitlich Zuhause und hat das vorerst nötigste geholt, dass ich wohl die nächsten Stunden brauchen werde. Bevor ich gegen 16 Uhr die zweite Gabe Gel bekomme, schicke ich meinen Mann nach Hause. Er hat mir so toll Gesellschaft geleistet, aber bei mir hat sich bisher nichts getan und er ist so müde. Auch er hatte die letzte Nacht nicht besonders gut geschlafen und ist bereits für ein Nap in meinem Krankenbett eingeschlafen. Das ganze erfolgt nach Rücksprache mit der Hebamme, auch sie denkt es passiert nicht mehr viel und wenn rufen wir ihn direkt an.

Mini hatte den ganzen Tag bei meinen Schwiegereltern verbracht und muss nun dort schlafen, auch das belastet mich etwas. Nicht weil er dort nicht gut aufgehoben ist, aber einfach die gesamte Konstellation. Wie es weitergeht weiß ja auch noch keiner. Mein Mann geht davon aus, dass er mindestens 2 Nächte bei meinen Schwiegereltern verbringen wird. Mini war noch nie so lange von Zuhause weg, meine Verabschiedung am morgen war ein „bis nachher“ alles ist halt einfach unglücklich gelaufen. Auch diese negativen Gedanken versuche ich zu verdrängen, da ich sofort anfangen muss zu weinen wenn ich an Mini denke.

Den Rest des Abends verbringe ich also mit WhatsApp, Twitter, TV und langweilen. Ich denke viel nach und rede viel mit meinem Baby im Bauch, aber auch mit meinem Körper. Die letzten Wochen habe ich beiden ständig gesagt „Jetzt nicht“ – „Lass dir noch Zeit“ – „Es passt aktuell nicht rein, lass dir mit der Geburt noch viel Zeit“. Und nun? Nun versuchen wir auf biegen und brechen das Baby und meinen Körper davon zu überzeugen 2 Wochen früher mit der Geburt anzufangen. Kein Wunder das sich da nichts tut.

Die zweite Gabe Gel zeigt Wirkung. Es tut sich langsam was, aber auch nichts ernst zu nehmendes. Um 23 Uhr und um 1 Uhr erhalte ich jeweils noch ein CTG, danach schlafe ich etwas. Bis etwa 5 Uhr kann ich schlafen und fühle mich sogar recht ausgeruht. Die Hebamme aus der Nachtschicht legt mir um 6 Uhr direkt wieder ein CTG an und wir beschliessen gemeinsam direkt mit dem Gel weiter zu machen. Ich will das alles ehrlich gesagt nur noch schnell hinter mich bringen.

Frust macht sich breit

Die dritte Gabe des Gels zeigt erneut Wirkung, die aber wie gewohnt nach 4 Stunden weniger wird und wieder fast komplett nachlässt. So langsam macht sich Frust breit. Das CTG zeigt wieder keine Wehen an, obwohl ich welche Spüre (kenne ich ja schon von Minis Geburt, aber dennoch) – die Wirkung des Mittels hält sich in Grenzen und man hält nach wie vor an dem Gel fest.

Mein Mann leistet mir bis zum Mittag Gesellschaft, als ich einschlafe fährt er noch einmal nach Hause und ruht sich ebenfalls etwas aus. Er versucht es zumindest, denn leider kommt es noch zu einem familiären Eklat. Ich werde hier nicht auf Details eingehen nur so viel, mein Bruder und mein Mann sind nun keine Freunde mehr. Ausserdem folgt ein sehr lautstarkes Gespräch meinerseits mit meinem Bruder. Im Nachhinein ist mir das Gespräch unangenehm, denn mein Gespräch blieb nicht unter uns sondern die Hebamme konnte mich hören. Doch in diesem Moment war alles so emotional geladen, dass es mir egal war.

Emotional ist das richtige Stichwort, denn ich muss nach dem Gespräch erstmal weinen. Ich kann nicht mal mehr aufhören zu weinen. Mein Mann macht sich auch direkt wieder auf den Weg zurück ins Krankenhaus und solang werde ich durch die Hebammen aufgefangen und getröstet. Spätestens jetzt weiß ich, es war genau die richtige Wahl wieder in dieses Krankenhaus zu gehen. Ich fühle mich wohl, gut aufgehoben und bestens behandelt. Aber die Hebammen sind nicht die einzigen die mich nach diesem Telefonat auffangen, da gibt es eine „fremde“ Person – ganz weit entfernt und doch mir so nah. Die liebe Mother Birth schenkt mir eine Menge Kraft und tauscht sich immer wieder mit mir aus. Die Hebammen, Mother Birth und schlussendlich mein Mann helfen mir aus dem emotionalen Loch raus. Dennoch meine Gedanken schweifen nun ständig ab, ich kann mich nicht richtig auf die Geburt konzentrieren und die vierte Gabe Gel wartet auch auf mich.

Mittlerweile ist einiges los im Kreißsaal. Hatte ich gestern Abend noch drei Säle für mich allein, ist heute Mittag eine Schwangere nach der anderen mit Wehen da. Die Gabe der vierten Dosis erfolgt daher nicht wie gewohnt nach 6 Stunden, sondern erst nach 7,5. Wie gewohnt werden die Schmerzen nach Erhalt des Gels stärker, mein Mann und ich gehen etwas spazieren und ein Freund kommt mich besuchen. Lange bleibe ich allerdings nicht beim Besuch, die Schmerzen sind unangenehm und ich mag mich lieber hinlegen als im Bistro zu sitzen. Mein Mann bleibt noch etwas beim Besucher und gesellt sich etwa 20 Minuten später wieder zu mir.

Der Verlauf der vierten Gabe scheint die gleiche Entwicklung zu haben wie die letzten beiden. Kurz nach Verabreichung werden die Schmerzen ziemlich unangenehm stark, das CTG zeigt auch Ausschläge aber alles noch im Bereich von „Übungswehen“. Diese Übungswehen kommen minütlich und tun gut weh, aber sie scheinen nichts produktives zu sein. Die Gabe des Gels erfolgte um 14 Uhr und normalerweise lässt die Wirkung nach 4 Stunden wieder langsam nach. Die Schmerzen sind nach fast 4 Stunden immer noch da aber ich bin der Meinung, obwohl die Wehen fast Minütlich kommen, dass wieder nichts passieren wird und mein Mann ruhig heim gehen kann.

Doch vorher möchte ich warm duschen gehen und behalte ihn als Hilfe noch bei mir. Im Stehen sind die Schmerzen sehr unangenehm und ich entscheide mich daher gegen das Duschen und für das Baden. Soweit ich mich erinnere ist warm Baden ein gutes Indiz für „echte Wehen“-also ab in die Badewanne. Es ist keine Geburtswanne sondern eine Normale und ich könnte mir vorstellen, dass es für Außenstehende recht amüsant ausgesehen haben muss wie ich dort raus gekrabbelt bin. Das Bad ist angenehm, die Schmerzen werden zwar nicht weniger stark aber sie kommen jetzt wenigstens nicht mehr minütlich. Meinem Mann ist bereits jetzt klar, dass er nicht nach Hause fahren wird.

Die brüderliche Absprache

Nach der Badewanne begebe ich mich wieder ins Bett und versuche verschiedene Positionen um mir die Schmerzen so angenehm wie möglich zu machen. In der ersten Zeit half es mir noch bei geschlossenen Augen die Wehen weg zu atmen. Dabei stellte ich mir immer wieder einen Tropfen Wasser vor, der in ein Becken voll Wasser tropfte und diese Wellen kämpften dann sozusagen in meinem Kopf gegen die Wellen der Schmerzen an. Ja ihr dürft mich gern für verrückt halten, aber dieses Bild kam wie automatisch in meinen Kopf. Ausserdem dachte ich an Mother Birth die mir in meinen Gedanken Mut zu sprach und mir bei den Schmerzen half. Manchmal erklärte ich mich selber für verrückt, aber es half. Zumindest anfänglich.

Gegen 18 Uhr erhielt ich eine WhatsApp Nachricht von meiner Schwiegermutter: „Mini sagt gerade, dass sein Bruder jetzt kommen will“. Ich schaue meinen Mann an und sage nur „Da weiß er scheinbar mehr als wir“. Kurz darauf werden die Schmerzen noch stärker und sie kommen auch wieder in sehr kurzen Abständen. Zeitgefühl ist relativ, aber ich schaffe es kaum einen Satz ohne Wehe zu sprechen. Die Hebamme untersucht mich, der Muttermund liegt aber ziemlich weit hinten und so kann sie nur erahnen, ob und wie weit der Muttermund geöffnet ist. Sie redet von maximal 2 cm, wenn überhaupt. Sie bietet mir an noch einmal in die Wanne zu gehen, aber dieses mal in die Geburtswanne. Gesagt – getan.

Das Baden hat wieder den gleichen Erfolg: Schmerzen bleiben aber Häufigkeit wird reduziert. Ich entspanne also etwas und sammle Kraft. Neben uns gebärt eine Frau ihr Baby. Ich höre wie sie nach Schmerzmittel ruft und wie sie das Gefühl hat nicht mehr zu können. Kurz darauf Baby Geschrei und bei mir unendlicher Neid. Sie hat es bereits geschafft und darf kuscheln, die Glückliche. Meine Schmerzen werden wieder stärker und ich muss die Schmerzen lautstark weg atmen. Irgendwann sind wir an dem Punkt an dem es einfach nur noch verdammt schmerzt und auch ich nach Schmerzmittel frage. In der Wanne ist dies nur in Form von Zäpfchen möglich. Die Hebammen sind, obwohl viel zu tun ist, super organisiert und innerhalb weniger Sekunden habe ich meine Zäpfchen.

Natürlich wirken diese aber nicht innerhalb von Sekunden und ich bekomme auf einmal das Gefühl, dass das Baby nun in der Wanne auf die Welt kommt. Ich fühle mich hier aber nicht „wohl“ ich möchte keine Wassergeburt – obwohl ich mir das bei Mini ja zum Beispiel gewünscht hatte – aber die Gesamtsituation gefällt mir hier einfach nicht. Ich finde keine bequeme Position für mich, das Wasser fühlt sich für mich mittlerweile kalt an und ich kann mich hier einfach nicht fallen lassen. Ich gehe also kurzer Hand aus der Wanne raus – ziehe mich an und „flüchte“ wieder in mein Wehenzimmer.

Ok jetzt ist es soweit – ich werde das Gefühl nicht mehr los, dass das Baby gleich kommt. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, das Baby kommt in diesem Wehenzimmer und ich komme gar nicht mehr in einen Kreißsaal. Die kurze Nacht, der emotionale Streß und die ständigen (unproduktiven) Wehen fordern ihren Tribut. Die Zäpfchen wirken immer noch nicht, na ja wie auch ist ja vielleicht gerade mal 10 Minuten her, aber ich kann nicht mehr. Ich will jetzt etwas gegen die Schmerzen das wirkt und zwar sofort. Ich Klingel also erneut und bitte die Ärztin um Schmerzmittel. Die Hebammen und die Ärztin sind ganz schön am rotieren. Alle drei Kreißsäle sind voll und ich im Wehenzimmer. Ich erhalte einen Tropf mit irgendwas gegen die Schmerzen und kurz darauf kommt eine der Hebammen rein und begrüßt mich mit „Wir gehen dann jetzt in den Kreißsaal“. Mir ist so schlecht und ich habe das Gefühl, dass ich mich übergeben muss. Das Gefühl begann bereits im Wehenzimmer und wird immer schlimmer. Kaum im Kreißsaal angekommen merke ich, dass damit nun definitiv hoch kommt und spreche es auch laut aus. Die Hebamme drückt mir schnell noch eine Spuckschüssel in die Hand und schon übergebe ich mich. Das Abendessen ist nun also auch wieder draußen. Übrigens wer mich jetzt nach der Uhrzeit fragen würde, dem würde ich wahrscheinlich 18:30 Uhr antworten, denn gefühlt ist keine halbe Stunde vergangen.

Im Kreißsaal geht gefühlt alles ziemlich schnell. Das Schmerzmittel hatte immer noch keine Chance zu wirken und nun kommen auch schon die ersten Presswehen. Der Muttermund steht bei 8 cm und die letzten 2 cm kommen auch binnen weniger Minuten. Es herrscht noch etwas Uneinigkeit bzgl. dem pressen – während die Ärztin mir gerade eben noch ein Nein gegeben hat, gibt mir die Hebamme kurz darauf das Go. Durch die Erfahrung bei Mini bin ich nun verunsichert und denke immer noch ich darf nicht pressen. Nach einem Ausdrücklichen „Doch, doch“ von er Hebamme geht es endlich los.

Erschöpfung und Schmerzen

Gott was sind das nur für Schmerzen. Minis Geburt habe ich nicht so schmerzhaft in Erinnerung, klar man vergisst auch viel aber damals fiel mir das alles um einiges leichter. Ich merke aber auch, dass mein Körper einfach gerade ziemlich erschöpft ist. Mir fehlt gefühlt jegliche Kraft im Körper um zu Pressen. Das teile ich auch der Ärztin und der Hebamme mit, die Hebamme bittet mich etwas beim pressen zu verändern. Bisher würde ich sehr viel kraft einfach verlieren, sie zeigt mir eine Press-Atemtechnik mit der ich es noch mal probieren soll. Auch die Ärztin baut mich auf, sie geht sehr liebevoll auf mich ein und versucht mir noch etwas Kraft zu entlocken. Mein armer Mann darf nur hinter mir stehen und mitleiden. Denn bei jeder Presswehe hänge ich mich quasi um seinen Hals und bin froh wenn ich ihm dadurch nichts breche.

Ich nehme meine letzte Kraft zusammen und presse mit jeder Wehe 2-3 mal. Die Presswehen halten ziemlich lang an und schon bald merke ich wie sich das kleine Köpfchen seinen schmerzhaften Weg durch den Geburtskanal sucht. Da ich keinen Blasensprung hatte muss dies mit einem Schnitt nachgeholt werden. Ein merkwürdiges aber irgendwie auch erleichterndes Gefühl. Weiter geht es mit dem pressen. Dieses Mal merke ich kein reißen wie bei Mini, ich merke aber eine starke und heftige Dehnung – auch sehr unangenehm. Aber kurze Zeit später ist der kleine Knopf endlich auf der Welt. Er schreit wie am Spieß und beruhigt sich auch auf meiner Brust nicht. Er zeigt lautstark das er nun da ist und ich bin einfach nur glücklich aber endlos erschöpft. Während der letzten Wehe klingelte das Telefon der Ärztin und sie telefonierte kurz. Wofür sie meinen Respekt hat, bei meinem Geschrei hätte ich wohl nichts verstanden. Ausserdem muss die arme direkt nach Knopfs Geburt raus und zur nächsten Geburt. Keine 2 Minuten nach Knopf kam nämlich schon das nächste Baby zur Welt.

Wie gewohnt schneidet mein Mann die Nabelschnur durch und es folgt die Plazenta. Alles ist soweit in Ordnung. Da ich absolut kein Zeitgefühl habe, frage ich nach der Uhrzeit. Gefühlt kam Knopf gegen 18:45 Uhr auf die Welt – in der Realität ist es aber 3 Stunden später. Ich werde desinfiziert und genährt während ich die erste Kuscheleinheit genieße. Mittlerweile hat sich Knopf auch beruhigt und versucht an meiner Brust zu nuckeln. Nun geht wieder alles relativ schnell, da die Hebammen den Kreißsaal für die nächste Geburt brauchen. Knopf wird gewogen (etwas mehr als 3300g), gemessen (52 cm länge + 34,5 cm Kopfumfang) und gewickelt. Ich ziehe mir was anderes an und steige in ein Krankenhausbett. Mit Knopf an meiner Seite werde ich mit dem Bett in mein Zimmer gefahren. Kaum dort angekommen verabschiedet sich auch schon mein Mann und fährt nach Hause. Er muss nun auch etwas Kraft tanken.

Noch bevor die Hebamme mit den Armbändchen kommt, bin ich am einschlafen. Sie ist überrascht das ich schon am einschlafen bin, aber meine Kraftreserven sind einfach dahin. Leider werde ich in der Nacht auch kaum Schlaf finden, denn meine Bettnachbarin hat Probleme mit dem Stillen. Das führt dazu, dass ihr Baby oft und lange weint. Dafür kann keiner was, aber es raubt mir halt leider den Schlaf. Knopf dagegen ist selber sehr schläfrig und ist noch nicht so wirklich am nuckeln interessiert, dennoch ist auch er ein Grund warum ich schlecht schlafen kann – ich überlasse ihm fast das ganze Bett und traue mich gar nicht ihn ins Babybay zu legen.

Rückblick und ein paar „Fun Facts“

Obwohl ich die Geburt wirklich sehr gut weg gesteckt habe und bereits Montags nach der Visite heim bin, hat es mich wirklich sämtliche Energie gekostet diesen kleinen Menschen auf die Welt zu bringen. Das lag dabei nicht mal an dem Baby, eher an der gesamten Konstellation. Die Wochen zuvor haben mir bereits viel Kraft geraubt, dann noch der Eklat mit der Familie am Sonntag… Mental war das eine sehr anstrengende Zeit. Umso Glücklicher bin ich eigentlich, dass unter diesen Umständen die Geburt doch so gut lief.

Das habe ich aber vor allem den Hebammen zu verdanken. Natürlich aber auch der Ärztin die sich ebenfalls sehr liebevoll um mich gekümmert hat und natürlich meinem Mann und seinem Rücken. Ich weiß nicht ob ich die Geburt so gut weg gesteckt hätte, wenn eine der Komponenten nicht so gewesen wäre. Empathie, Sympathie und volle Hingabe für die Sache haben mir durch diese Geburt geholfen.

Im Vergleich zu Minis Geburt war ich auch viel mit meinem Mann allein. Aber im Gegensatz zu damals fühlte ich mich dieses Mal nicht allein. Jedes Mal wenn ich klingelte, kam relativ schnell jemand und blieb so lange bis mein Bedürfnis „gestillt“ war. Mir wurde immer Hilfe angeboten und obwohl die Hebammen tierisch im Streß war, empfand ich sie niemals gestreßt.

Im Nachhinein kann ich auch nichts schlechtes über das Gel sagen. Ja ok es dauerte einige Gaben bis es richtig wirkte, aber wenn man bedenkt dass der Körper 2 Wochen vor Termin zur Geburt animiert werden muss – dann finde ich den Wirkungszeitraum ok. Die Wehen waren allerdings um einiges heftiger als bei Mini. Ob das nun an der Einleitung lag oder einfach weil jede Geburt anders ist, das kann ich nicht beantworten.

Interessanterweise hat das CTG bis zum Ende keine „richtigen“ Wehen aufzeichnen können. Dieser komische Wert blieb bei mir immer verhältnismäßig niedrig – aber auch hier wurde im Vergleich zur Geburt von vor 4 Jahren nicht auf den Wert, sondern auf mich und mein Gefühl geachtet. Auch bei dieser Geburt empfand ich das CTG wieder als sehr störend und schmerzhaft. Egal wo die Damen mir das Ding hinlegten es erzeugte (gefühlt) einen Wahnsinnigen Druckschmerz. Aber irgendwann fanden wir eine Position bei der der Herzschlag vom Baby kontrolliert werden konnte und mit der ich leben konnte. Ach ja und ich hatte zufälligerweise zur Geburt den gleichen Rock an wie bereits zu Minis Geburt.

Ich hatte ja bereits erwähnt, dass während der Geburt die Ärztin ein Gespräch am Telefon annahm. In diesem ging es um eine weitere Schwangere die gerade in die Notaufnahme gekommen war. Bereits bei meiner Anmeldung in dem Krankenhaus wurde ich darum gebeten vorab im Kreißsaal anzurufen, denn man wolle keine Patientin am Ende weg schicken müssen aber wenn alle Säle voll sind dann sei das eben nötig. Das nächste Krankenhaus ist keine 10 Autominuten entfernt, trotzdem war das für mich damals ein Schreckensszenario. Mein Mann beruhigte mich immer und sagte, sowas passiere bestimmt nie und genau das passierte gerade. Die Ärztin sagte der Notaufnahme, entweder die Dame warte noch oder sie fahre eben in ein anderes Krankenhaus aber hier sei im Moment keine Entbindung möglich. Ob die Dame in der Notaufnahme noch genug Zeit hatte um zu warten oder ins nächste Krankenhaus fuhr weiß ich allerdings nicht.

Mini und Knopf könnten nicht unterschiedlicher sein. Gerne bezeichne ich sie als Schneeweißchen und Rosenrot – denn während mini Blond mit wenig Haar zur Welt kam, kam Knopf mit einer guten Matte auf dem Kopf zur Welt und dann auch noch in dunkel. Obwohl beide dunkle Augen haben/hatten tendierte Mini eher zu richtig schwarzen Augen während man bei Knopf ein Blau erkennen kann. Auch charakterlich kann ich bereits kurz nach der Geburt erkennen. Mini schrie zwar auch nach der Geburt aber er beruhigte sich relativ schnell als er bei mir auf dem Brustkorb lag. Knopf dagegen weinte ja ziemlich lang.

Etwa 11 Stunden nach Geburt wurde ich im Krankenhaus entlassen. Ich erhielt meine letzte Spritze, wurde über alles belehrt und durfte mit unserem neuen Familienmitglied nach Hause gehen. Voller Vorfreude auf Mini fuhren wir zu dritt los. Mini versteckte sich übrigens vor mir, als er mich das erste Mal sah. Freude sieht ja eigentlich anders aus. Auch seinen Bruder wollte er erst nicht begrüssen, aber diese Scheu legte sich schnell.

Nun sind wir zu viert und wie mein Wochenbett so läuft, dass berichte ich euch auch ganz bald (hoffentlich) 🙂

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14 Einträge zu „Ohne Kliniktasche geht es auch – Geburtsbericht

    • Dankeschön ☺️
      Ich finde ja das verunsichert total!
      Bei der ersten Geburt mehr als bei der zweiten aber trotzdem, wenn man sagt wehen fangen erst bei einem Wert ab 50 an und ich „dümpel“ immer bei 30-40 rum, dann kommt man sich irgendwie „falsch“ vor.
      Somal ich denke, dass die schmerzen trotzdem die gleichen sind egal ob 40 oder 70 da als Zahl steht… wie geschrieben, bei der ersten Geburt wurde sogar nur dem ctg geklaubt und mir gesagt ich habe ja noch gar keine wehen… dieses Mal wusste ich wenigstens das besser 😅

      Gefällt 2 Personen

      • Ich glaub ich sollte nach dem Wochenbett mal dringend einen Text über den Sinn und die Unsinnigkeit von einem Dauer-CTG unter der Geburt schreiben… Wenn ich sowas lese rege ich mich auf :-/

        Liebe Grüße
        Mother Birth

        Gefällt 1 Person

      • Nach der Geburt musste ich an unsere Unterhaltung bezüglich CTG denken.. Von wegen das ich es auf eigenen Wunsch weglassen kann… Während der Geburt ist mir das einfach nicht in den Sinn gekommen, aber ich hatte mich danach mit meinem Mann unterhalten der ebenfalls der Meinung war CTG ist notwendig um das Kind zu überwachen… Ich bin mir da bis heute nicht so wirklich sicher, seine Argumentation war das schneller reagiert werden kann wenn mit dem Baby was nicht stimmt… für mich ist diese Erklärung nicht schlüssig, denn der Knopf war ja bereits im geburtskanal-was will man da denn noch schneller machen wenn das Kind in Stress gerät? Aber gut, es ist geschafft 😉

        Gefällt 1 Person

      • ES gibt KEINE Studie, die belegt, dass sich ein Dauer-CTG unter der Geburt positiv ausgewirkt in Bezug auf Gesundheit und Überleben bei Mutter und/oder Kind. Das einzige was belegt ist, dass mit Dauer-CTG die Interventionen deutlich ansteigen und es zu mehr Kaiserschnitten kommt.

        Es reicht eigentlich, wenn unter der Geburt ab und an der kindliche Herzton mit einem Dopton abgenommen wird. Auch da merkt man, wenn „etwas nicht stimmen sollte“.

        Ansonsten verunsichert ein Dauer-CTG oft und lässt den Fokus der Frau weg von ihrem eigenen Körper und hin zu dem Gerät wandern. das ist meist nicht hilfreich. Auch die Geburtshelfer verfallen oft dem CTG, ohne richtig auf die Frau zu achten und ihrer Wahrnehmung zu vertrauen. Das halte ich persönlich für sehr gefährlich!

        Wenn das Kind tief im Geburtskanal ist, ist es ohnehin oft schwer ein gutes CTG ableiten zu können… nur mal so am Rande 😉

        Liebe Grüße
        Mother Birth

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  • Es war mir übrigens eine Ehre dich aus der Ferne unterstützen zu dürfen. Wäre ich nicht selbst hochschwanger gewesen, hätte ich nicht dafür garantieren können, dass ich nicht im nächsten Zug zu dir gesessen hätte um dich vor Ort zu unterstützen.
    Ich danke dir für dein Vertrauen, dass du mich in dieser so intimen Situation muteinbezogen hast. Das rührt mich immer noch zu Tränen. Danke ❤

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    Gefällt 1 Person

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