Neulich in einem Bekleidungsladen…

Es ist kein Geheimnis, ich bin eine Tragemutti. Mini wurde viele Monate nur im Tragetuch befördert und später wurde er trotz Kinderwagen noch viele Monate immer wieder getragen. Selbst mit fast drei hatten wir im Urlaub noch eine Trage dabei und waren sehr froh darüber.

Einschlafen war für ihn alleine nie möglich und ist es auch immer noch nicht. Für mich ist das selbstverständlich ihm die Nähe und Geborgenheit zu geben die er zum einschlafen braucht. Jetzt wo Knopf auf der Welt ist, gilt das natürlich auch für ihn und die Bedürfnisse zweier Kinder – zum Teil gleichzeitig – abzudecken ist da schon eine Herausforderung. Aber ich bin sehr bemüht es trotzdem zu machen. Händchen halten, Köpfchen streicheln, Schlaflieder singen und im dunklen die Decke anstarren während ich auf den Schlaf vom Kind warte.

Immer dabei Kinderwagen und Trage

Warum ich das erzähle? Eine kleine Begegnung in einem Bekleidungsladen. Wie jeden Morgen bringe ich Mini in die Kita und wie jeden Morgen muss Knopf mit. Ich lege Knopf in den Kinderwagen und packe das Tragetuch ein. Knopf liegt eigentlich ganz gerne im Kinderwagen, aber er schläft dort nicht gern ein. Er bleibt also im Kinderwagen bis er quengelig wird, dann packe ich ihn ins Tragetuch und entweder lege ich ihn dann schlafend in den Kinderwagen oder ich trage ihn nach Hause, wie ich gerade Lust (und platz) habe.

Der Kinderwagen wird gern mal zum Einkaufswagen umfunktioniert und so auch an diesem Tag. Ich hab Online etwas in den hiesigen Bekleidungsladen bestellt und möchte dies abholen. Also laufe ich mit dem Knopf und dem Kinderwagen in die Stadt. Nach kurzer Zeit wird er quengelig und ich packe ihn ins Tragetuch. Im Laden angekommen bitte ich die Verkäuferin mein Paket zu holen und um nicht in Stillstand zu geraten laufe ich etwas durch den kleinen Laden.

Die Dame kommt mit meiner großen Tasche, ich werfe diese in den Kinderwagen und wippe immer noch hin und her. Der Knopf wird ungeduldig er will nun schlafen und dafür muss ich laufen. Ich bezahle und die Frau fängt ein Gespräch mit mir an. Wie so häufig geht es um das Thema Baby, es scheint als wäre ein anwesendes Baby eine Einladung darüber zu sprechen. Es geht kurz um den Knopf und das quengeln. Ich erkläre das er Müde ist und gleich einschlafen wird und sie entgegnet mir etwas aus ihrer Perspektive. Sie wolle mir ja nicht zu nahe treten, aber fände sie das ja nicht. Ihre Schwiegertochter die hätte ihre Tochter ja auch viel getragen. Bis hier hin finde ich das Gespräch noch erträglich. Es ist nicht das erste dieser Art, viele ältere Leute scheinen ein Problem mit der neuen Elternbewegung* zu haben.

Doch dann wird es mir etwas zu absurd und ich möchte am liebsten gehen. Denn die Dame schlägt sich mit der flachen Hand gegen den Kopf um ihrem folgenden Satz stärke zu verleihen. Mit schüttelndem Kopf gibt sie von sich:

Aber nicht nur das, die sitzt abends stundenlang mit dem Baby auf dem arm auf so einem Ball und hüpft. Wie dumm kann man eigentlich sein?

Okkkkkkay dafür ist mir meine Zeit eigentlich wirklich zu kostbar. Doch in der Regel bin ich zu freundlich um einfach zu gehen. Die Situation wird mir immer unangenehmer. Der Knopf quengelt immer mehr und ich mag solche Themen mit fremden Menschen – dazu noch ÜBER fremde Menschen – nicht diskutieren. Ich erkläre also kurzerhand, dass ich Mini ebenfalls in den Schlaf begleite und auch ihn gerne getragen habe. Rückblickend totaler Blödsinn hier noch ein Gespräch weiter zuführen, im schlimmsten Fall hätte ich damit erneut Öl ins Feuer gegossen. Aber bei der Frau kommt nichts an, sie redet unbeirrt weiter.

Ich hab meine Kinder einfach ins Bett gelegt und es war Ruhe. Die haben geschlafen. Und dann hat sie das Kind ja auch ständig getragen. Jetzt hat sie gesagt, die kleine will gar nicht mehr in den Kinderwagen. Ist ja klar, sie hat es ihm abgewöhnt und das ständige rumtragen angewöhnt.

Ich überlege erneut etwas zu antworten, etwas von wegen dass manche Kinder auch gut ohne Nähe schlafen können – aber nun mal nicht jedes. Ich überlege auch ihr zu erklären, wo wir Evolutionsmäßig herkommen, aber ich lasse es. Denn ich muss ein Bedürfnis stillen, welches wesentlich wichtiger ist. Knopf ist müde und das gibt er mir lautstark zu verstehen.

Bedürfnisorientiert, Unerzogen oder tragende Mami

Ich gebe daher lediglich ein „Tja, nun“ von mir drehe mich langsam um und sage noch ein „ich muss nun los, schönen Tag noch“. Auf dem Weg nach Hause ging mir dieses Gespräch einfach nicht aus dem Kopf. Die Dame war schätzungsweise zwischen 50 und 55 Jahre und so uneinsichtig was andere Erziehungsmethoden an ging. Ihre Einstellung schien noch stark vom „Mutterglück“ (Buch von Johanna Haarer) geprägt zu sein und ich beneidete ihre Schwiegertochter nicht.

Ständig fragte ich mich, warum es immer noch so verbreitet ist gegen einen liebevollen Erziehungsstil so zu wettern. Aber nicht nur das, wie konnte man so etwas noch einer völlig fremden Frau erzählen? Dazu noch einer Frau die offensichtlich in eine ähnliche Richtung der Erziehung zu gehen scheint? Wollte sie mir mit ihrem negativ Beispiel (Kind will nicht mehr in den Kinderwagen) erklären, wie schlecht mein getrage ist? Wollte sie überhaupt etwas bewirken oder denkt sie gar nicht über ihre gesprochenen Worte nach?

Diese Begegnung ist nun einige Tage her und manchmal denke ich noch an Sie zurück. Sie lässt mich nicht los. Obwohl sich seit der Geburt von Mini einiges verändert hat, zumindest in meinem direkten Umfeld, und auch die Akzeptanz für „auf Gummiball in den Schlaf hopsen“ größer geworden ist merke ich noch oft irritierte blicke wenn ich mit tragendem Baby durch die Gegend laufe. Vorallem, oder gerade deswegen, wenn ich den Kinderwagen dabei habe.

Ich kann das wirklich nicht verstehen. Während ich innerlich darüber nachdenke komme ich immer zu einem bzw. ein paar Entschlüssen die ich in die nachfolgenden Worte fassen möchte:

Liebe Schwiegertochter der Verkäuferin, du machst das toll! Ich finde es super, dass du deine Kinder trägst, denn tragen ist was dein Kind scheinbar braucht und das gilt auch für das hopsen. Ich wünsche dir ganz viele durchgeschlafene Nächte und ruhige Abende. Deinem Kind wünsche ich weiterhin so eine liebevolle Kindheit.

Liebe Verkäuferin, lass die Kinder ihre eigenen (vermeintlichen) Fehler machen und beurteile nichts vorschnell nur weil du es anders kennst. 

Ach ja und: Leben und leben lassen. Ich finde so lang die Erziehung ohne Gewalt läuft, läuft es doch ganz gut. 

Wie seht ihr das? Findet ihr das so ok? Vielleicht wart ihr ja auch schon mal in so ein Gespräch verwickelt. Wenn ja, wie geht ihr mit so etwas um? Oder habt ihr sogar eine Mutter/Schwiegermutter die so über euch redet?

 


 

* hier mit meine ich alle „neuen“ Erziehungstrends die es momentan so gibt. Tragen, AP, Unerzogen etc.

Advertisements

8 Einträge zu „Neulich in einem Bekleidungsladen…

  • Ohje, das wäre ja voll was für mich gewesen. Ich glaub ich würde mich ja dann ehrlich gesagt immer ziemlich leicht in Diskussion ziehen lassen- wäre wahrscheinlich auch nicht richtig.. denn bringen tut es in den allerwenigsten Fällen was. Ich persönlich wurde wenn ich jetzt so drüber nachdenke, noch nie in der Art angesprochen. Aber unter uns gesagt: ich warte drauf ;)… denn der Muckel wird in 4 Wochen 2 Jahre und er wird noch gestillt: auch in der Öffentlichkeit… egal wo ich bin. Ich könnte dir jetzt auch noch nicht mal sagen, ob ich dafür schon Blicke kassiert habe, weil ich auf sowas irgendwie gar nicht mehr achte durch Jerry. Aaaaaaber mir fällt ein, dass ich letztens auf Instagram ein Bild gepostet habe, wo ich den Muckel auf dem Rücken trage. Da bekam ich dann auch die Frage, warum ich in Gottes Namen das Kind denn noch tragen würde? Er könnte doch laufen!? Daraufhin meinte ich nur trocken: Ja, könnte er 😉 aber das eine schließt das andere ja nicht aus.

    Meine Schwiegermama und meine Familie hab ich aber zum Glück zu 100 Prozent hinter mir ! Die Unterstützen und wertschätzen, dass wir eben schon „so lange“ stillen und es auch noch weiterhin tun werden, auch Familienbett, tragen etc. alles kein Thema hier… aaaber bei der Einstellung „das Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen müssen“ hört es auf 🙂 .. Schwiegermama ist eher die übervorsichtige.. und wir lassen machen 🙂 .. (solang natürlich keine ernsthafte Gefahr besteht)

    lg Nike

    Gefällt mir

    • Die Uroma von meinen Beiden ist auch eher sehr vorsichtig. Manchmal weisen wir sie darauf hin, aber manchmal lassen wir sie einfach machen. Wobei Mini ihr mittlerweile einfach sagt, dass er das schon kann.

      Ich finde so Kommentare irgendwie doof. Warum muss man sich denn bei fremden einmischen? Ist doch meine Sache ob ich mein Kind trage oder nicht. Vor allem weiß derjenige doch gar nicht, wie viel das Kind an dem Tag schon gelaufen ist?! Mein Papa hat mich auch früher oft auf den Schultern getragen, wenn ich nicht mehr konnte. Ist nichts anderes, nur schlimmer für den Rücken des Trägers.

      Es gibt Tage, da bin ich auch etwas auf Krawall gebürstet. Da dürfte mich auch keiner Ansprechen *hihi*

      Gefällt mir

  • Oft fühlt sich unsere Elterngeneration auf den Schlips getreten, wenn wir es so ganz anders als sie machen. Sie nehmen es oftmals persönlich – als Kritik auf. Nach dem Motto:
    „Wenn du das jetzt so machst, weil du es für richtig hält, muss ich ja automatisch was falsch gemacht haben…“
    Und schon befinden sie sich im verteidigungsmodus, der fast immer darin endet, dass sie sich über unsere Sachen lustig machen oder aber mit dem Todschlagargument: „Hat euch doch auch nicht geschadet.“ kommen. Dann wissen sie sich nicht mehr zu helfen.
    Schade eigentlich, denn sie verpassen die Chance eines Austausches. Warum, wieso, weshalb man es selbst damals so und die eigenen Kinder es jetzt anders machen.

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    Gefällt mir

    • Das finde ich eine sehr schöne Beschreibung um es aus der Sicht des anderen zu sehen.
      Denn du hast recht, man unterstellt damit ein Fehlverhalten. Aber seien wir doch mal ehrlich – vieles davon war ja auch ein Fehlverhalten. Wenn auch nicht bewusst, denn damals hat man das eben so gemacht.
      Ich erinnere mich zum Beispiel, dass meine Tante ihren Enkel zum Mittagsschlaf hingelegt hat. Dunkel machen, Tür zu – Kind 20 Minuten heulen lassen, der schläft schon ein. Ich hatte sogar gefragt, warum er weint und erhielt eben genau die Antwort, dass er schlafen soll und er würde sicherlich bald einschlafen. Ich fand das irgendwie grausam, es war so ein kleines Baby in meinen Augen.

      Nun ja aber ich weiche ab. Du hast eigentlich alles in deinem Kommentar gesagt, ich unterschreibe dies in vollem Umfang 😉

      Gefällt 1 Person

  • Hm….Ich frage mich immer wieder,wieso fremde Menschen eh alles besser wissen….und einem das auch mitteilen müssen. Ich konnte unseren Zwerg leider nicht tragen,weil ich einen Nerv eingeklemmt hatte….Ansonsten hätte ich ihn auch die erste Zeit gerne durchs Leben getragen. Macht weiter so ihr lieben Tragemütter…..Liebe Grüße

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s